Kants Kinder

Wie kann man sich im Gewusel der Welt und der Gedanken zurecht finden? Wie orientiert man sich draußen in der Welt und drinnen im Denken? Welches könnte die allgemeine Denkregel sein, an der sich die unterschiedlichen Menschen mit ihren verschiedenen Regeln gemeinsam orientieren können? Und warum soll ich überhaupt selber nachdenken?

Dieses Projekt befasste sich mit dem prinzipiellen Gegenstand der Philosophie, dem Denken. 13 Kinder aus Kreuzberg setzten sich dafür 3 Monate lang mit Immanuel Kants Text Was heißt: Sich im Denken orientieren? auf vielfältige Weise auseinander. Fasst man die Philosophie als ein Nachdenken über das Denken über die Welt auf, stellt sich auch die Frage nach einem Leitfaden für ein solches „reines“ Denken. Wie ist es möglich, sich im bloßen Denken zu orientieren, wenn man das Denken von externen Gegenständen und
Anhaltspunkten scheidet? Geht das überhaupt? Wie geht man nicht in gefährlicher Schwärmerei verloren, wenn die Forderung nach Denkfreiheit besteht? Und warum ist es für die eigene Lebensführung wichtig, sich die internen Bedingungen des Denkens bewusst zu machen? Kants Orientierungsbegriff stellt für uns eine Analogie dar, die Weltorientierung und Philosophieren parallelisiert. Mit Hilfe dieser Analogie haben wir anhand verschiedener Orientierungsspiele bei den Teilnehmern ein Verständnis von Philosophie erzeugt und sie zum Selbstdenken ermutigt.


Neben diversen Umfragen auf der Straße (Wie sieht das Denken aus? Wie sortieren Sie Ihre Gedanken?), Diskussionen, Experimenten, Rätseln, Spielen, Zeichnungen und Benutzen von Karten und Wegbeschreibungen (ihrer äußeren und inneren Welten) und selbstgebauten Kompassen, interviewte die Gruppe zwei blinde Mitarbeiter der Blindenwerkstatt in der Oranienstraße und wurde von Prof. Dr. Stegmaier („Philosophie der Orientierung“) besucht. Es war eine Reise von der sie umgebenden Welt hinein in das Reich des Denkens. Mit Hilfe äußerer und innerer Orientierungspunkte fanden sie ihren Weg erhellt von der Pflicht, selbst zu denken. Ihre dabei gemeinsam gesammelten Erkenntnisse zeigten die Kinder den Besucher*innen der Abschlusspräsentation in einem theatralen Parcours rund um das Kottbusser Tor.