Platon Projekt

Was ist die „Wahrheit“? Ist die mich umgebende die „wirkliche“ Welt? Wie kann ich erforschen, was hinter meinen Vermutungen, Vorstellungen, Beobachtungen liegt? Wie kann ich gesichertes Wissen überprüfen? Wann muss ich meine Beobachtungen ergänzen oder revidieren? Gibt es eine endgültige und allgemeingültige Beschreibung der uns umgebenden Dinge? Und wenn sich die Dinge immer wieder in einem anderen Licht präsentieren und sich die Beschreibungen verändern: warum kann ich sie dennoch erkennen?

Das PLATON PROJEKT widmete sich den drei bekannten Gleichnissen Platons aus der Politeia: dem Höhlen-, dem Linien- und dem Sonnengleichnis. Das Spiel mit der menschlichen Sinnlichkeit und mit der abstrakten Ebene der reinen Kognition stand im Zentrum. Die Kennzeichnung der Unterschiede der verschiedenen Erkenntnisebenen, aber auch die Klärung ihrer Verbindungen untereinander wurde hier immer aufs Neue angegangen und der Status der jeweiligen Wissensformen ästhetisch hinterfragt. Mit dem von Platon eingeführten vier kategorischen Erkenntnisebenen wurde künstlerisch experimentiert. Die sich darin abzeichnende stufenartige Sukzession der möglichen Wissensproduktion strukturierte den gesamten Arbeitsprozess, aber auch den Ablauf der Abschlusspräsentation.

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Der griechische Philosoph beschreibt diese Stufenleiter in seinem berühmten Gleichnis um einen aus einer Höhle Befreiten, der schrittweise entdeckt, dass seine bisherigen Wahrnehmungen nicht „die Wahrheit“, sondern nur Schattenbilder waren. Er erkennt und beobachtet Nachbildungen der Natur, Kunstgegenstände, dann die Naturobjekte selbst und schließlich die Idee der Dinge mithilfe der Sonne, die die „Idee des Guten“ symbolisiert.
Diese Schritte lassen sich auch als eine Reihung von Vermutungen, Beobachtungen, abstrakten (mathematischen) und wissenschaftlichen allgemeingültigen Beschreibungen und letztendlich der philosophischen Erkenntnis von Ideen darstellen. Platon war der Auffassung, dass jeder Mensch diese Erkenntnisleiter beschreiten könne und gründete zur Ausbildung seiner Schüler die erste Akademie, in der das philosophische Prinzip der Dialektik zelebriert wurde. Nur durch die Unterhaltung und den Widerspruch kommt man der Idee eines Phänomens oder Gegenstandes näher. Wie kann ich meinen Vorstellungen über die Welt bewerten, einordnen und sinnvoll nutzen?

In unserer kleinen Akademie erkundeten Kinder der 6. Klasse der Jens-Nydahl-Grundschule drei Monate lang den Kiez um das Kottbusser Tor, um das platonische Reich der Ideen zu entdecken. Dabei entlarvten sie die suggerierten „Wahrheiten“ des Alltags nicht nur durch angeregte Diskussionen darüber, welche Erkenntnisse wirklich gesichert sind und welche nicht. Durch präzise Beobachtung und praktische Forschung an Gegenständen, anhand von Interviews, eigenen Erzählungen und Diskussionen oder durch Museumsbesuche erklommen die Kinder die Stufenleiter der Erkenntnis. Sie haben dabei Passanten auf der Straße nach Vermutungen und Beobachtungen befragt, die Idee der Abstraktion verstanden und jeweils zu selbst gewählten Objekten in den verschiedenen Stufen geforscht. Ihre Ergebnisse und Gedanken wurden im HAU Hebbel am Ufer in einer „Lecture Performance“ präsentiert.